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Die ersten 2,5 Wochen von UMINO

So, ich habe Wort gehalten :-) ... und schicke diesen neuen Blog nur gut zwei Wochen nach meinem letzten Eintrag direkt nach dem Eröffnungsanlass am 11. August! Übrigens: Ihr glaubt ja nicht, wie rasant mein Bekanntheits- und Beliebtheitsgrad seit diesem Tag gestiegen ist. Am folgenden Montag, 14. August, bin ich wieder wie üblich mit dem Auto ins Büro gefahren. Unglaublich, wie viele Leute jetzt entlang der Strasse mit den Armen gefuchtelt und mich mit breitem Grinsen gegrüsst haben! .................................................................................................................................... Auf den letzten Eintrag habe ich etliche Rückmeldungen erhalten, die mich alle sehr gefreut haben. Danke! Unter anderem hat eine Freundin auch richtig festgehalten, dass ich eigentlich nur über Faktisches geschrieben habe, aber überhaupt nichts darüber, wie es mir „bei dem Ganzen“ eigentlich geht. Liebe Claudia, Du hast natürlich absolut recht. Ich möchte dies hier jetzt nachholen. Zuallererst: Zum guten Glück habe ich bis heute überhaupt keinen Kulturschock erlitten, was die überaus meisten Entwicklungsarbeiter ja offensichtlich früher oder später erleiden. Na ja, vielleicht kommt er doch noch; aber ich meine, die Chancen stehen gut, dass dieser Kelch an mir vorüber geht. Hauptgründe dafür sind sicher, dass ich Lis einerseits vor meinem Umzug nach Sambia in den vorangehenden zwei Jahren sieben Mal besucht habe und mich dadurch quasi homöopathisch akklimatisieren konnte. Anderseits spielt sicher auch eine Rolle, dass ich mich hier in ein gemachtes Nestchen setzen und direkt in ein voll ein Haus ausgerüstetes Haus ziehen konnte, in dem erst noch ein ganz liebes menschliches Wesen wohnt :-). .................................................................................................................................... Natürlich aber sind mir - vor allem vor dem Start der Mikrofinanzorganisation - auch etliche Male Zweifel durch den Kopf gegangen, ob das Konzept, das ich entworfen habe, hier in Sambia überhaupt funktionieren kann. Oder dann hat mich manchmal auch der berühmte Gedanke angesprungen „Jessas, was mache ich eigentlich hier unter diesen ‚Wilden’!“ Alle diese Gedanken und Zweifel haben sich dann aber jeweils wieder rasch verzogen und ich bin bis jetzt sehr guten Mutes, dass aus dem zarten Mikrofinanz-Pflänzchen in den nächsten paar Jahren etwas ganz Vernünftiges entstehen kann und ich das Leben hier in all seinen farbigen und neuen Facetten sehr geniessen werde. .................................................................................................................................... Seit dem Start der Mikrofinanzorganisation am 14. August habe ich zusammen mit meinem Loan Officer, Elvis Lubasi, in unserem Büro 105 Darlehensantrags-Gespräche durchgeführt. Ja, das ist schon eine ganze Menge (!) – und abends waren meine Batterien oft einfach ziemlich leer. Eine kleine Statistik zu diesen Gesprächen: Die Antragstellenden kamen aus 31 verschiedenen Dörfern (für die erste Phase unseres Roll-outs haben wir 66 Dörfer zu unserem Zielgebiet erklärt = Radius von 20 km um das Bürogebäude). Die Anträge sind 28 verschiedenen Geschäftsmodellen zuzuordnen. Hit Nr. 1 sind kleine Lebensmittelläden, sogenannte „Groceries“ (24 Anträge). Das zweithäufigste Geschäftsmodell sind – wenig überraschend – Kleinfarmen (16 Anträge). Unter den 105 Anträgen waren 29 recht solide Vorschläge und 24 Anträge, die ganz einfach „Schrott“ waren. Vier Anträge habe ich schon in diesen Erstgesprächen ablehnen müssen: Zwei Anträge kamen aus Dörfern, die im Moment ausserhalb unseres definierten Zielgebiets liegen. Einen Antrag habe ich abgelehnt, weil der Antragsteller schon einen 100%-Job im Spital hat und während seiner Arbeitszeit einen Handel mit Elektronikgeräten wie z.B. Handys betreiben wollte. Dies ist unethisches Verhalten und hat in den definierten Werten von Umino keinen Platz. Den vierten Antrag habe ich abgelehnt, weil die Antragstellende nachweislich gefälschte Belege zu Kostenvoranschlägen gebracht hat. .................................................................................................................................... Auch habe ich schon vier Vor-Ort-Besuche gemacht. Diese Besuche dauern jeweils einen halben Tag (nachmittags) und dienen dem sogenannten Detail-Assessment, in dem wir den Business Plan des Antragstellenden sowie auch sein Geschäft und sein Haus oder seine Hütte sehr genau anschauen. Allein diese Besuche sind unwahrscheinlich bereichernd, weil ich da ganz tief ins persönliche Leben der Familien hier eintauchen kann. .................................................................................................................................... Nun ein paar „Anekdötli“ aus diesen Gesprächen: In den ersten paar Gesprächen habe ich Elvis Lubasi manchmal gebeten, zu übersetzen. Diese „Übersetzung“ hat er dann gemacht, indem er meine englischen Worte nochmals wiederholt hat – einfach in einem englischen Sambia-Slang. Ich habe ihm dann gesagt, dass er doch bitte die Übersetzung machen soll, indem er mein Englisch in die lokale Sprache Nyanja übersetzen soll . Ein anderes Müsterchen: Im Antragsgespräch gehen wir jeweils schon recht ins Detail, unter Anderem frage ich immer nach Details des geplanten Umsatzes und der entsprechenden Kosten. Im Zuge dessen ist bei einem Antragsteller rausgekommen, dass er das Speiseöl billiger verkauft, als er es einkauft. Ich habe ihm dann gesagt, dass ich mein Speiseöl in Zukunft bei ihm einkaufen werde . Oder dies: Bei einem ersten Antragsgespräch für einen Kredit für eine Metzgerei habe ich dem Antragsteller gesagt, dass der erste Kredit, den wir ihm geben können maximal 2'300 Kwacha (ca. 230 CHF) betragen kann und nicht 5'800 Kwacha, was er ursprünglich beantragt hat. Er ist dann mit einem überarbeiteten Antrag zurückgekommen, der genau 2'300 Kwacha betragen hat. So weit hervorragend, nicht? Als ich den Antrag dann aber wie üblich ein bisschen genauer angeschaut habe, habe ich festgestellt, dass er unter anderem nur noch die Anschaffung einer Waage beinhaltet, aber dass das Messer fehlt. Ich habe ihn dann gefragt, wieso es fehlt. Darauf hat er gesagt, diese Anschaffung hätte im Betrag von 2'300 Kwacha leider nicht mehr Platz gehabt. Jetzt soll mir doch bitte mal jemand erklären, wie ich eine Kuh mit nur einer Waage aber ohne Messer schlachten kann... ?! .................................................................................................................................... So, und jetzt zur Belohnung noch ein paar Föteli. .................................................................................................................................... Bei jedem Vor-Ort Besuch checken wir, welche Wertgegenstände als Sicherheitspfand für das Darlehen dienen könnten. Auf dem Bild hier ist ein 100 Watt- Solarpanel, das wir als Pfand nehmen würden, wenn wir das Darlehen schlussendlich geben würden. .................................................................................................................................... Elvis Lubasi vor unseren beiden Töffs und dem Lebensmittelladen (Grocery), den wir zur detaillierteren Abklärung des Darlehensantrags besucht haben. .................................................................................................................................... Frühmorgens mit viel Energie bereit zur Abfahrt ins Büro!

29.8.17 16:41, kommentieren

Start der Mikrofinanz-Organisation

Seit meinem letzten Blog-Eintrag ist eine ziemlich lange Zeit vergangen. Und in dieser Zeit ist zum guten Glück auch ziemlich viel gelaufen – und deshalb ist dieses Mal auch ein bisschen mehr Text zusammengekommen. Ich will mich bessern und das nächste Mal wieder rascher einen Blog abschicken :-) .................................................................................................................................... Seit dem letzten Blog habe ich das Detailkonzept fertiggestellt, das unter anderem den genauen Prozessablauf und alle Formulare zur Beurteilung eines Darlehensantrages umfasst. Ich habe Musterarbeitsverträge, Stellenbeschreibungen und Aktivitätslisten für die verschiedenen Funktionen erstellt. Das Buchhaltungssystem ist jetzt eingerichtet und das Design der Datenbanken erstellt, die notwendig sind, um das Geschäft tagesaktuell zu managen. Die wichtigste Datenbank enthält die Stamm- und Bewegungsdaten für die einzelnen Darlehen. Mittels dieser Datenbank haben wir zum Beispiel die tagesaktuelle Übersicht, welche Zahlungstranchen von welchen Darlehen an einem bestimmten Tag fällig sind, wie hoch der aktuelle Gesamtbestand an Darlehen ist, wieviel Darlehen an Frauen, wieviel an Männer, wieviel Darlehen an Farmer und wieviel an Kleinbetriebe vergeben wurden, natürlich auch welche Darlehen „notleidend“ sind und wieviel der Zinsertrag sowie die Strafzinsen bei verspäteten Zahlungen in einer bestimmten Zeitperiode betragen. ................................................................................................................................... Vor einiger Zeit habe ich in Lusaka auch einen Safe gekauft, der in einem abgeschlossenen und von aussen nicht einsehbarem Raum mit Betondübeln an der Wand befestigt ist. Das Internet ist eingerichtet und ein Drucker im lokalen Netzwerk installiert. ................................................................................................................................... Vor rund einem Monat wurde die Firma in drei bis vier Anläufen (!) im Handelsregister eingetragen. Der Name der Firma ist „Umino“. Dies ist eine Abkürzung und setzt sich aus den drei Wörtern „Umoyo wa bwino“ der lokalen Sprache Nyanja zusammen. Damit der Firmenname nicht so sperrig und für Fremde auch auszusprechen ist, habe ich aus den beiden ersten Buchstaben „Um...“ und den letzten drei Buchstaben „...ino“ einen Kurznamen kreiert. „Umoyo wa bwino“ heisst auf Englisch „Better Life“ und widerspiegelt den Zweck der neuen Mikrofinanzorganisation, die helfen will, den Menschen in einem der ärmsten Teile dieses armen Landes ein besseres Leben zu ermöglichen. ................................................................................................................................... Unterdessen bin ich auch extrem stolzer Besitzer eines Bankkontos bei der „First National Bank“ (FNB) zu dem ich elektronisch Zugriff habe. Auch dazu hat es mindestens vier Anläufe sowie das Ausfüllen und Unterschreiben von 41 Formularen gebraucht (kein Witz, ich habe sie gezählt!). Ich habe mir bei den Formularen auch sehr viel Mühe gegeben und habe von der Bankangestellten Cathy Chime (die ich unterdessen sehr gut kenne) prompt auch sehr viel Lob erhalten, dass es ihr noch nie passiert sei, dass jemand alle diese Formulare in nur vier Anläufen fertiggestellt hat. ................................................................................................................................... Ich habe vier Banken genauer angeschaut, bevor ich mich dazu entschieden habe, ein Konto bei der FNB einzurichten. Mein Entscheid zugunsten der FNB war vor allem wegen einer genialen Funktionalität des E-Banking Systems namens „eWallet“ gefallen. „eWallet“ erlaubt mir, Banküberweisungen auf irgendein Handy in Sambia vorzunehmen. Mittels des Betrages und des zugehörigen Codes, die der Handybesitzer erhält, kann dieser an irgendeinem Bankomaten von FNB Bargeld abheben oder sein Guthaben teilweise oder auch vollständig einem anderen Handybesitzer überweisen. Und das „Schönste“ an dieser ganzen Funktionalität ist, dass der Handybesitzer kein eigenes Bankkonto haben muss! Also absolut ideal für die Leute in unserem Zielmarkt, dem Rufunsa-Distrikt, wo fast niemand ein Bankkonto hat. Mit dieser Funktionalität kann ich unter anderem unseren Darlehensnehmern den Darlehensbetrag elektronisch überweisen, anstatt dass ich diesen immer physisch überweisen muss. ................................................................................................................................... Für Umino haben wir auch eine Nummer beim Steueramt sowie eine Nummer bei der staatlichen Pensionskasse registriert. Über das Internetportal der Steuerbehörde werde ich in Zukunft periodisch die Quellensteuern der Mitarbeitersaläre überweisen. Auch könnte ich über das Portal die jährlich Einkommenssteuer bezahlen. Aber da wir als Non-Profit Organisation aufgestellt sind, werde ich dies vermeiden können (hoffentlich ). Analog werde ich über das Portal der staatlichen Pensionskasse periodisch die auf den Salären fälligen Pensionsbeiträge einzahlen. ................................................................................................................................... Per 1. August habe ich meinen ersten Mitarbeiter, Mr. Elvis Lubasi, eingestellt, ein sogenannter „Loan Officer“. Der „Loan Officer“ beurteilt Darlehensanträge und begleitet diese dann auch mit regelmässigen Vor-Ort-Besuchen während der Darlehenslaufzeit. Damit die Firma als Ganzes funktioniert, nehme ich mir die Freiheit, im Moment verschiedene Funktionen auszuüben. Ich bin CEO, CFO, Assistent, Compliance Officer, Loan Officer (wie Mr. Lubasi), Purchasing Officer und derjenige der ab und zu die Schrauben der herausgerissenen Türfallen in unserem neuen Bürogebäude mit Zweikomponentenkleber wieder in die Türe klebt. ................................................................................................................................... Der Loan Officer, Mr. Lubasi, ist mit einem 150ccm Offroad-Motorrad ausgerüstet. Damit besucht er die Darlehensnehmer. Da die Strassen hier wirklich sehr holprig sind, muss es so ein Motorrad sein. Auch ich habe jetzt so ein Motorrad, weil ich ja auch Loan Officer bin. Wenn ich über Weihnachten/Neujahr wieder in der Schweiz bin, werde ich über Amazon auch ein paar GPS-Geräte besorgen (diese erhält man hier in Sambia nicht). Mittels dieses Gerätes werden die genauen Koordinaten des Wohnortes oder der Geschäftslokalität des Darlehensnehmer „irgendwo im Busch draussen“ aufgenommen. Dies ist sicher notwendig, weil ich plane, im Jahr 3 oder 4 gegen 1'000 aktive Darlehen laufen zu haben. Wenn wir nicht mit GPS arbeiten würden, so könnte das buchstäblich in die berühmte Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen ausarten. ................................................................................................................................... Gestern Freitag, 11. August, habe ich jetzt endlich den Kick-off-Anlass vor dem neuen Bürogebäude abhalten können! Eingeladen habe ich rund 100 Personen, darunter die District Commissioner (=die Vertreterin des Staatspräsidenten und damit höchste Regierungsvertreterin im Rufunsa-Distrikt), die beiden Häuptlingsfrauen (Chieftainesses) der beiden Stammesgebiete, wo wir mit unserem Angebot beginnen und 66 Dorfvorsteher und –vorsteherinnen. Nach einem Anfangsgebet und der Nationalhymne habe ich den Teilnehmern dann in rund 30 Minuten das ganze Konzept von Umino auf möglichst einfache Weise erklärt. Danach gab es je eine Ansprache der Stellvertreterin von einer der beiden Chieftainesses und eine Ansprache von der District Commissioner. Beide haben das ganze Konzept von Umino sehr unterstützt (siehe vor allem auch Foto der District Commissioner weiter unten mit dem entsprechenden Zusatzkommentar :-)). Gegen Ende des Anlasses wurde nochmals die Nationalhymne abgesungen und das Ganze dann mit einem Gebet mit geschlossenen Augen in lokaler Sprache abgerundet. Nach dem offiziellen Teil hat dann jeder Teilnehmer noch ein Lunchpaket mit je einem Softdrink erhalten, damit er sich gestärkt auf den Heimweg begeben und seine Leute informieren konnte. Ab nächstem Montag können dann Darlehensgesuche eingereicht werden. Ich bin äusserst gespannt. Wieviel Leute werden da vor der Türe stehen – 5 oder 100 Personen? Keine Ahnung. Die Auflösung dieses Rätsels dann beim nächsten Blog. ..................................................................................................................................... So, jetzt ein paar Föteli von diesem Anlass: ................................................................................................................................... In der Mitte mit Perücke (!) die District Comissioner, links daneben (fast ein bisschen verdeckt) leicht lächelnd die Chieftainess von Mpanshya und rechts vorne die Chieftainess von Shikabeta, ernst dreinschauend mit einem kunstvollen Kopfschmuck ................................................................................................................................... Eine Foto während meiner rund 30-minütigen Präsentation, auf dem Bild rechts von mir der Übersetzer und gleichzeitige „Master of Ceremony“, Mr. Nelson Mumba. ................................................................................................................................... Rege Fragerunde nach meiner Präsentation. Auf dem Bild sieht man auch gut den Flyer, den alle in den Händen halten und den ich während der Präsentation verteilt habe. Auf dem Flyer steht alles Wissenswerte, wie ein Darlehensantrag zu stellen ist. ................................................................................................................................... Die Stellvetreterin der Chieftainess von Mpanshya bei Ihrer Ansprache. Im Hintergrund sieht man auf diesem Bild auch das Firmenschild „Umino“ gut. ................................................................................................................................... Die feurige Ansprache der District Commissioner (im Hintergrund ihr Weibel). An dieser Stelle hat sie sich direkt an alle Dorftvertreter gewendet und Ihnen ziemlich wortwörtlich Folgendes gesagt: „Wenn Ihr die Darlehen nicht pünktlich und vollständig an Umino zurückbezahlt, dann komme ich mit meiner Polizeitruppe, verhafte Euch und stecke Euch ins Gefängnis!“ ................................................................................................................................... Drei ein bisschen erschöpfte Dorfvorsteherinnen, die sich nach dem ganzen Prozedere mit dem Lunchpaket stärken, bevor es wieder per Velo oder zu Fuss zurück in ihr Dorf geht. Wer weiss, vielleicht ist der Weg ziemlich lang ... ................................................................................................................................... Freundliches Erstgespräch mit zwei schon sehr interessierten Bauern, die je ein Darlehen für Ihre Farm aufnehmen wollen.

3 Kommentare 29.8.17 16:13, kommentieren