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Mikrofinanz und organische Landwirtschaft

Seit meinem letzten Blog habe ich etwa 15 Vorgespräche mit möglichen Kleinkreditnehmern geführt. Vorgespräche deshalb, weil ich einerseits die künftige Mikrofinanz-Firma noch nicht im Handelsregister eingetragen habe, anderseits wollte ich noch im Entwurfsstadium möglichst viele Erfahrungen sammeln, welche detaillierten Fragen ich dann in der Beurteilungsphase für einen Kleinkredit stellen muss. Ich meine, dass ich nach diesen Vorgesprächen jetzt einen Formularsatz erstellt habe, der es ermöglicht, einen Kreditnehmer als Person und seine Geschäftsidee sehr genau zu beurteilen. Zu der Zeit, als ich diese Vorgespräche geführt habe, sind auch zwei sehr gute Freunde – Peter v/o Gfitzt und Karin – für eine Woche bei uns gewesen und sie konnten „live“ bei zwei solcher Gespräche teilnehmen. Diese Gespräche waren unglaublich interessant. Es geht ja nicht nur darum, eine Geschäftsidee zu beurteilen und auf seine Erfolgschancen zu prüfen, sondern vor allem auch darum, die Person des möglichen Kreditnehmers auf seine Verlässlichkeit und Kreditwürdigkeit zu prüfen. Dazu muss man tief ins Persönliche einsteigen. Bist Du verheiratet? Wie viele Kinder hast Du? Was sind Deine monatlichen Lebenshaltungskosten? ................................................................................................................................... Barbara, eine mögliche Kreditnehmerin ist 26 jährig. Sie hat zwei Kinder (6- und 4-jährig), ist aber nicht verheiratet. Barbara hat die Schule im 2009 abgeschlossen, seither aber nie einen Job gehabt und wohnt deshalb immer noch bei ihren Eltern. Bei einem solchen Lebensentwurf schluckt man schon ein- bis zweimal leer. Ihre Geschäftsidee ist, mit zwei ihrer Freunde (Martha, 25, und Evans, 20), jeweils 100 bis 200 frisch ausgebrütete Kücken grosszuziehen und diese dann direkt an Endabnehmer in Mpanshya zu verkaufen. Eine andere Kreditnehmerin, Margret, will das Essensangebot ihres „Restaurants“ ausbauen. Heute verkauft sie nur ein Menu: Nhsima (Maisbrei, das Nationalgericht der Sambier) und gekochtes Huhn mit Gemüse. In Zukunft will sie auch Nshima mit anderem Fleisch oder Fisch anbieten. Sie verdient heute mit dem Restaurant rund 12'000 Kwacha pro Monat, das sind etwa 1'200 Franken. Bei dieser Zahl hat es mich fast vom Stuhl gehauen, weil das Durchschnittseinkommen in der Gegend hier schätzungsweise zehnmal tiefer liegt, also bei rund 120 Franken pro Monat. Ich habe Margret dann gesagt, dass sie wohl sehr „reich“ sei. Sie hat dann aber zu meiner grossen Überraschung gesagt, dass dieses Geld für ihre Familie bei weitem nicht reiche. Als wir dann weiter in ihre Familiensituation und ihre monatlichen Lebenshaltungskosten eingetaucht sind, ist folgendes Bild rausgekommen: Barbara ist nicht verheiratet, hat aber vier eigene Kinder, die zum Teil in teuren Ganztagesschulen sind. Das weitere Gespräch hat dann weiter ergeben, dass sie noch drei weitere Kinder bei sich hat, für die sie sorgt. Diese drei Kinder sind von ihren beiden jüngeren Schwestern, die ebenfalls nicht verheiratet sind, aber nicht für ihre eigenen Kinder sorgen können. Auch diese Lebenssituation lässt einem dann ein bisschen nachdenklich zurück. ................................................................................................................................... Hier noch eine Auswahl von weiteren Geschäftsideen aus meinen Vorgesprächen: Ausbau des bestehenden Malergeschäfts; Kauf von zwei Ochsen, um Felder zu pflügen und lokale Transporte zu machen; Ausbau einer Metallwerkstatt; Kauf einer Gebrauchtkamera, um Fotos bei Anlässen zu machen und diese dann den Teilnehmern zu verkaufen; Eröffnen eines Lebensmittelladens mit Angebot von Frischfleisch und –fisch; Wiederherstellen von gekauften Autowracks; Reparatur einer Maismühle. ................................................................................................................................... Die künftige Mikrofinanzorganisation wird übrigens „Umino“ heissen. Umino ist ein Kunstwort und setzt sich aus den zwei ersten und den drei letzten Buchstaben der drei Wörter „Umoyo mwa bwino“ zusammen. Diese drei Wörter der lokalen Sprache Chinyanja heissen auf Deutsch „besseres Leben“ .................................................................................................................................... Die letzten zwei Wochen habe ich noch etwas ganz Anderes gemacht, als mich den Vorbereitungen für Umino zu widmen: Ich war als Knecht auf einer organischen Kleinfarm, die etwa 250 Kilometer südwestlich von Mpanshya liegt. Was hat mich dazu motiviert? Die Idee von unzähligen, organischen Kleinfarmen im südlichen Afrika fasziniert mich ungemein – ja, ich glaube, dass dies der einzige Weg dazu ist, dass sich die sehr rasch wachsende Bevölkerung auf diese Art selbst ernähren kann. Dies einerseits ohne von teurem Dünger und chemischen Einsatzmitteln aus dem „Norden“ abhängig zu sein, anderseits aber vor allem auch, um den heute zunehmend unfruchtbareren Boden mit natürlichem Grün- und Viehdünger wieder als fruchtbaren Wasserspeicher zu regenerieren. Dies ist neben Umino das zweite Projekt, an dem ich mit drei Partnern arbeite (www.h-p-m-c.com). Nachfolgend ein paar Fotos von meinem Aufenthalt auf der „old orchard farm“. ................................................................................................................................... Hier ein Bild der Wohnstube auf der Farm... Unser tägliches "Brot" - Nshima mit Broccoli-Blättern...Aufbau eines Komposthaufens aus Kuhdung und einer Lage Asche...Muttersau mit ihren Schweinchen im Pig-Tractor (dieser wird täglich verschoben und die Schweine essen dann die Erntereste)...Die Werkzeuge des Bauers - anstelle eines Traktors..."Mukoio" - selbstgebrautes Bier aus Wurzeln, Mais, Wasser, Zucker - lecker!

21.5.17 11:08, kommentieren

Die zweiten 1,5 Monate...

Es sind jetzt weitere rund 1,5 Monate ins Land gegangen, seit ich mit Lis Mitte Januar nach Sambia gekommen bin. In dieser Zeit ist wieder viel gelaufen. Zuerst ein update zum Beruflichen: Gestern habe ich endlich meinen Business Plan für die Mikrofinanz-Organisation in der ersten Version fertigstellen können und "intern" (Furrer Foundation, für die ich tätig bin) zur Stellungnahme verschickt. Es ist wohl nur ein 30-seitiges Papier, aber es ist ziemlich konzentriert abgefasst und enthält viel vom Hirnschmalz, den ich den letzten Wochen darauf verbraten habe :-). ................................................................................................................................... Kurzer Einschub: Ich muss mich im Moment, während dem ich diesen Blog schreibe, ziemlich konzentrieren. Wir wohnen direkt gegenüber der lokalen Kirche und da findet gerade ein Begräbnis statt. So ein Begräbnis ist mit sehr viel Lärm (Wehklagen der Klageweiber gemischt mit Kirchenliedern) verbunden. ................................................................................................................................... Nach dem Erstellen des Business Plans mache ich mich jetzt an das letzte Grundsatzdokument. Es heisst "Products & Procedures". In diesem Dokument beschreibe ich im Detail, wie der Prozess der Vergabe eines Mikrokredits abläuft und wie so ein Mikrokredit dann bis zu seinem Ablauf weiter begleitet wird (Besuchsplan und Zahlungsplan). Auch habe ich seit Kurzem begonnen, Vorgespräche mit möglichen Darlehensnehmern zu führen. Diese haben mir unter anderem sehr geholfen, die Details der Formulare auszugestalten, die in Zukunft zur Beurteilung eines Darlehensantrags und die Begleitung eines Darlehens ausgefüllt werden. Beispiel meines letzten Gesprächs: Die Geschäftsidee des möglichen Darlehensnehmers Augustin Bendela ist es, ein Autowrack für umgerechnet rund 1'200 CHF zu kaufen, dann weitere 1'550 CHF für Motor- und sonstige Renovationsarbeiten reinzustecken und das Auto dann für rund 3'500 CHF wieder zu verkaufen. Das ganze würde maximal 2 Monate dauern und ihm einen Gewinn vor Zinsen von 750 CHF bescheren. Für das zweimonatige Darlehen müsste er mir 156 CHF Zinsen bezahlen. Dies entspricht dann einem Nettogewinn von 594 CHF, was hier auf dem Land sehr viel Geld ist. In meinem letzten Blog habe ich geschrieben, dass ich 32% Jahreszins verlangen werde. Nach der Fertigstellung des Business Plans und dem zugehörigen 4-Jahres-Finanzplan bin ich jetzt auf einen Zins von 34% gekommen, den ich verlangen muss, um im 4. Geschäftsjahr dann kostendeckend arbeiten zu können. Ein Kommentar im letzten Blog von Hans Gattlen, eines befreundeten Unternehmers, war, dass dieser Zinssatz ihm sehr, sehr hoch erscheint. Das ist aus Sicht einer voll entwickelten, westlichen Volkswirtschaft natürlich absolut richtig. Aber im Mikrokredit-Bereich gelten zwei grundsätzlich andere Regeln, als zum Beispiel in der Schweiz. ................................................................................................................................... Einerseits ist der relative Aufwand, den ich aus meiner Organisation für einen Kleinkredit betreiben muss, sehr viel höher als für einen Geschäfts- oder Konsumkredit in Westeuropa. In Zahlen ausgedrückt heisst das: Meine reinen Betriebskosten (Saläre, Bürokosten etc.) sind 64% der gesamten Zinsseinnahmen, währenddem dieser Prozentsatz von Banken in Industrieländern bei rund 28% liegt, und das erst noch trotz der Millionen-Boni dieser Superbanker (!). Ich bekomme keinen Bonus und arbeite zu einem Lokalsalär :-). Anderseits sind die Margen der Geschäfte im Kleinkreditbereich typischerweise sehr gross, also können sie auch die relativ hohen Zinsen relativ locker bezahlen. Als Beispiel können wir wieder das Geschäftsmodell von Hr. Bendela ranziehen: Bei einem Verkaufspreis des wieder hergerichteten Autos von 3'500 CHF beträgt seine Marge vor Zinsen 21,4% (750 CHF / 3'500 CHF), während der 2-Monatszins "nur" 5.7% beträgt (34%/12 Monate x 2 Monate). ................................................................................................................................... Hier noch ein Föteli des Skeletts eines Metall-Kastens mit einem ersten Schliessfach-Prototyp aus Holz, den ich beim TCM (Training Center Mpanshya) in Auftrag gegeben habe. Wir wollen der hiesigen Bevölkerung aus der Mikrofinanz-Organisation auch die Möglichkeit anbieten, dass sie Geld oder Wertsachen bei uns deponieren können. Die Leute hier auf dem Land haben eigentlich alle kein Bankkonto (geschweige denn ein Schliessfach), weil die nächste Bank rund 120 Kilometer entfernt ist und sie auch über kein regelmässiges Einkommen verfügen. Ein regelmässiges Einkommen ist normalerweise Grundbedingung, dass man bei einer Bank ein Konto eröffnen kann. Das TCM übrigens ist das zweite Projekt, das Lis neben dem Altersheim Mulele noch im "Nebenamt" betreut. Sie macht dort die Buchhaltung sowie das Controlling und coached auch den Geschäftsführer.................................................................................................................................... So, genug der Zahlenbeigerei und des Geschäftlichen. Jetzt ein kleiner Einblick in das Privatleben der Krämerei. In der Woche vor Ostern war Tina mit ihrer Freundin Miriam zu Besuch. Es war sehr schön mit diesen beiden jungen Damen. Am Tag nach ihrer Ankunft in Sambia sind wir für 2 Tage in den rund 540 km entfernten South Luangwa National Park abgerauscht. Wir haben dort dann je zwei Morning-Drives (von 06.00 bis 10.00) und Evening-Drives (von 16.00 bis 20.00) mit einem hervorragenden Guide gemacht. Er wusste auf jede noch so ausgefallene Frage eine Antwort. Hier eine hungrige Löwenfamilie bei ihrem Abendmahl - offensichtlich kein Hinderungsgrund für Löwen, sich in der Fastenzeit mit Fleisch vollzustopfen! Im Bild die beiden Löwenmännchen "Ginger" und sein Bruder "Garlic" mit ihren neun Löwendamen.................................................................................................................................... Auf der Rückfahrt vom South Luangwa NP ist dann das Unvermeidliche passiert - platter Reifen! Ein platter Reifen wäre ja noch gegangen, aber den Reservereifen hat es dann auch wieder vertätscht! Dieser war so alt, dass sich ab einer Geschwindigkeit von etwa 100 km/h der Reifengummi in alle Windrichtungen zu zerstreuen begonnen hat. Zum guten Glück haben uns dann zwei englische Gentlemen, die auch auf Durchreise waren, einen ihrer Reservereifen geliehen, der glücklicherweise an mein Auto gepasst hat. Wir sind dann zusammen ins rund 60 km entfernte Chipata gefahren. Dort haben sie ihren Reservereifen mit vier frischen Äpfeln als Geschenk wieder zurückerhalten und mein liebes Äuteli wieder neue Reifen. ................................................................................................................................... Apropos Defekt: Letzte Woche ist uns der mindestens 6 Jahre alte HP-Printer abgelegen - auch die Zuhilfenahme von WD-40 hat da nicht mehr viel geholfen - gell, Matthias (Gartenmann) normalerweise hilft dieses Wundermittel fast gegen alles :-). Unterdessen haben wir wieder einen neuen Drucker. Ich habe diesen im 180km entfernten Lusaka an dem Tag gekauft, als ich die lokale Fahrprüfung gemacht (und beim ersten Mal schon bestanden!) habe. Ohne so einen Drucker können Lis und ich halt nicht "leben". ................................................................................................................................... Und hier zum Schluss noch etwas sehr Sambisches. Dieses Auto habe ich vor ein paar Wochen am Strassenrand auf der Strasse Richtung Lusaka entdeckt. Der Spruch "Never give up" ist sinnig, nicht? Letzte Woche ist jetzt übrigens noch ein weiteres Schild hinzugekommen, das neu an der Frontscheibe hängt: "4 Sale"!!

1 Kommentar 21.5.17 11:23, kommentieren